Was dich daran hindert, deine Stärken zu leben

Es passiert gar nicht so selten, dass Menschen ihre Stärken nicht leben. Dies hat ganz unterschiedlich Gründe. Aus meiner Sicht sind diese die fünf wichtigsten:

  • Sie kennen ihre Stärken nicht und können sie deswegen nicht bewusst einsetzen. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da habe ich einfach gemacht, was zu tun war, ohne mich damit zu beschäftigen, was ich besonders gut kann und wofür ich keine große Begabung habe. Damals habe ich viel Zeit damit verloren, Erwartungen zu erfüllen und mich mit Sachen abzumühen, die mir nicht liegen. Natürlich, es gibt Fähigkeiten, die ich auch ausbauen möchte, obwohl sie nicht meiner Natur entsprechen, denn ich möchte eine gewisse Selbständigkeit haben und im Notfall gut für mich sorgen können. ABER: Als ich anfing, zu erforschen, welche Stärken ich habe, konnte ich mich darauf konzentrieren, diese weiter auszubauen und mich zu fragen, wo sie gebraucht werden und sie gezielt dort einzubringen. Ein Fragebogen zu Zartheit findest du hier. Dort geht es auch um die Eigenschaften, Strategien und Stärken der Hochsensiblen, kann aber auch von anderen Menschen genutzt werden.

  • Sie halten ihre Stärken für Schwächen, weil sie gewisse negative Konsequenzen oder Schattenseiten erlebt haben. Wichtig: die Konsequenz von der Stärke trennen. Strategien für die Schattenseiten. Auch das kenne ich persönlich. Die Tatsache, dass ich die Gefühle der Menschen um mich stark wahrnehme, empfand ich lange Zeit als Schwäche, weil mich ihre negativen Gefühle einerseits beeinträchtig haben und andererseits, weil die Verbindung zu meinen eigenen Gefühlen dadurch vernebelt wurde. Was man für eine Schwäche hält, bekämpft man, statt es zu nutzen. Erst spät habe ich gemerkt, was für ein Geschenk es ist, die anderen so wahrnehmen zu können, und habe Methoden gesucht und gefunden, mit dieser Gabe umzugehen.
  • Sie wurden kleingehalten (in der Kindheit und/oder Jugend oder manchmal innerhalb einer Beziehung) und halten sich heute noch daran. Ein extremes Beispiel, das ich selbst erlebt habe, möchte ich euch dazu schildern. Ich bin halb Spanierin, halb Deutsche und fühle mich in beiden Kulturen wohl. Einmal habe ich auf einen Mann getroffen, der darauf gepocht hat, ich sei Münchnerin und spanische Tänze seien dadurch nichts für mich. In diesem Fall habe ich mich sofort distanziert. Oft geschehen aber solche Beschneidungen ganz subtil. Der Gendergap beim Gehalt ist so etwas. Beschneidungen, die wir als Kind erlebt haben, sind uns oft nicht mehr bewusst. Dann braucht es Biografiearbeit sowie Arbeit an Glaubenssätzen und Mustern.
  • Sie haben Angst. Angst davor, anzuecken, vor Konsequenzen oder auch vor eigenen Größe. Was bringt das für Verantwortungen mit sich? Welche Menschen wenden sich vielleicht ab? Welche Umgebungen werden wir selbst verlassen, wenn wir wachsen? Auch das kenne ich. Hier hilft es, die Angst anzunehmen, sie als Freund zu betrachten, der dir hilft, besonders wach zu sein. Und trotzdem weiter zu gehen. Ich persönlich neige zu besonders lebhafte Phantasien darüber, was sich alles schlecht auswirken könnte. Es gefällt mir, mir das schlimmste Szenarion auszumalen – und was ich in diesem Fall tun werde. Ich habe schon so viele schwierige Momente im Leben erlebt, dass ich das Vertrauen habe, mit fast allem zurechtzukommen. Ein Plan B hilft, Vertrauen und Erfahrung ebenfalls.
  • Sie haben im Laufe ihrer Biografie den Zugang zu ihren Stärken verloren. Das zeigt sich häufig in psychosomatischen Erkrankungen. Gerade sehr sensible Menschen (eine Stärke!) Kommen zu mir und sagen, sie fühlen zu wenig. Ihr Gefühlsleben hat sie in frühen Jahren so überfordert, dass sie sich davon gründlich abgetrennt haben. Hier ist Behutsamkeit gefragt. Manchmal ist hier Therapie angebracht oder gar die Behandlung von Traumata, manchmal reicht es, sich Schritt für Schritt mit einer guten Begleitung für die Gefühle wieder zu öffnen.

Auf alle Fälle ist es lohnenswert, diese Hindernisse zu kennen und immer wieder daran zu arbeiten, sie zu überwinden.

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